Donnerstag, 13. Februar 2014

Radikalität der #jobcenter - Mitarbeiter_innen? Oft ein Denkfehler! Plus: so genannte #Pädagogik

Radikalität der jobcenter - Mitarbeiter_innen? Oft ein Denkfehler!

Neben Nazi - Vergleiche werden vom radikaleren Flügel der Hartz IV - Kritiker - Szene ja jobcenter - Mitarbeiter_innen öfter einmal radikale innere Einstellungen nachgesagt. Sie würden am liebsten die "Unwilligen" erschießen, vernichten, ins Zuchthaus sperren, etc. pp.
Ich aber denke, genau das Gegenteil ist der Fall. Niemand denkt an "Erschießen", "Vernichten" usw. - man redet sich statt dessen ein, das mit den Sanktionen sei doch alles gar nicht so schlimm, größere Sanktionen als 10% ja nun doch selten(er) - und die Sanktionierten könnten doch auch ganz einfach SELBST die Sanktionen vermeiden, wenn sie halt ein wenig sich an die Regeln halten, wie alle Bürger im Straßenverkehr, im Meldewesen, auf der Arbeit, im Kindergarten, etc. pp.
Ich habe auch sehr oft festgestellt, dass für geborene Mittelschichtler es innerlich NICHT vorstellbar ist, wirklich absolut nicht (!) wie viel Geld 100,- oder auch "nur" 30,- Euro für einen ALG II - Empfänger darstellen. Und wenn die fehlen! Konfrontiert man damit, läuft ein inneres Denkräderwerk ab, in der Richtung "dann würde ich halt ..." - Meine Freunde, Bekannten, Verwandten diskret anpumpen - mal ein Wochenende nicht rausgehen - endlich die Sachen bei eBay mit Sofortkauf per paypal einstellen, mit denen ich das schon lange machen wollte - etwas von meinen Geräten / schicken Kleidern in der Nachbarstadt zum Pfandhaus bringen - und etliches mehr in der Richtung. 30,- oder 100,- Euro sind für den Mittelschichtler weniger Geld - und ER hat tatsächlich noch diverse Ressourcen.
Der eine oder andere ALG II - Empfänger hat auch noch welche. Aber deutlich weniger. Und manche haben keine. Und andere gar keine! Doch das wird nicht realisiert, nicht wirklich in Konsequenz wahr genommen, innerlich nicht geglaubt.
Etliche werfen mir ja mit schärfsten Worten vor, dass ich überhaupt Fallmanager war, möchten mich vor ein Scharfgericht stellen, u.ä. Andere bezeichnen mich als unglaubwürdig, unterstellen mir rein persönliche Motive für meine heftige Kritik am Hartz IV - System. Ich sage bewusst NICHT "jetzige" Kritik - denn ich war stets intern im jobcenter fleißig, aber auch konstruktiv - kritisch als Mitarbeiter.
Es ist bei mir aber so, dass auch ich schon in etlichen Lebenskrisen war und vor Jahrzehnten auch mehrfach arbeitslos, seinerzeit auch eine Alo - Ini mitgründete.
DAHER kann ich mir verschiedene Dinge WIRKLICH vorstellen.
Zurück an den Anfang. Das Problem liegt also eben NICHT in der unbewussten Radikalität ("Erschießen") - sondern in einer inneren völligen und letztlich irrealen Verharmlosung des eigenen Tuns und Unterlassens bei vielen jobcenter - MitarbeiterInnen. Da gälte es IMHO anzusetzen.

Ich bin ja ausgebildeter / studierter Erzieher, Sozialarbeiter und Erziehungswissenschaftler. Daher auch etwas zu der oft auftauchenden pädagogischen Frage zum Thema Strafe.
Die Führung der BA versucht ja anhaltend, Sanktionen als "pädagogische Maßnahme" zu "verkaufen".  ...
Dieser "pädagogische" Ansatz kommt mir immer so vor, als habe ein völliger Laie im Schnelldurchgang J.J. Rosseau überflogen und dann daraus ein, nun ja, Konzept gebastelt ...
Man ahnt zumindest von Ferne, dass negativ - strafende Erziehung nicht wirklich sinnvoll und schädlich ist. Und versucht, die Sanktionen als "logische Folgen", oder "natürliche Konsequenzen" hin zu stellen. Was aber nicht den Realitäten entspricht. Anhand der wirtschaftlichen Situation, der realen Bedingungen auf dem Arbeitsmarkt, etc. pp. Hier wäre also argumentativ anzusetzen - die gesetzten Sanktionen simulieren KEINESWEGS "normale" und "wirkliche" Ursache <---> Wirkungs - Strukturen!
Zu abstrakt? Mutmaßlich. Ein Beispiel. Ein älterer Mann, 25 Jahre auf dem Bau beschäftigt, jetzt körperlich eingeschränkt, 3 Stunden leichte Arbeit täglich aber noch möglich, soll monatlich 8 Bewerbungen vorlegen. Macht er auch 3 Monate lang. Keine Reaktionen, Absagen, Frust. (Natürlich - leider.) Er fängt an zu "schludern", hat auch ziemlich alle Firmen "durch" mittlerweile. Er legt nur 6 vor. Wird vom durchschnittlichen AV mündlich ermahnt. Legt beim nächsten Mal (anhand akuter persönlicher Probleme) nur 5 vor.
Die Probleme sind nicht schriftlich nachweisbar (Stress mit der Ehefrau und dann ist auch noch sein Hund überfahren worden). Also kein "wichtiger Grund": Sanktion!!
Hier wird aber eben KEINE "natürliche Folge" nachgebaut. Die Bewerbungen dieses Menschen hätten mit höchster Wahrscheinlichkeit in dieser Form KEINERLEI Erfolg, egal ob er 6, 5, 10 oder 20 Bewerbungen unternehmen und belegen würde.
Es sind statt dessen, wie ein Ex - Kollege von mir es immer mal wieder nannte "sinnlose Rollenspiele"!
Wenn wir Rosseau nicht zur Hilfe nehmen zur Scheinbegründung, wird es noch magerer, mit einer pädagogischen Begründung.

STRAFE:
- sagt NUR, was NICHT getan werden sollte
- gibt keinerlei Informationen, wie das Gewünschte besser getan werden könnte
- stört und zerstört das Vertrauensverhältnis
- gibt dem Gestraften das Gefühl der Ohnmacht
- ... und mindert sein Selbstbewußtsein
- wirkt NUR, solange der Strafende "hinguckt"
- erzeugt ein Rachebedürfnis
- führt bestenfalls zum erzwungenen, unmotivierten Gehorsam
- verhindert Einsicht und Eigenmotivation
- etc.

Richtig: Strafe gibt es in der Gesellschaft. Für Kriminelle. Da ist dann aber auch noch der Faktor "Schutz der Gesellschaft" mit enthalten. Zu argumentieren, der nicht mitarbeitende ALG II - Empfänger beute ja die Gesellschaft finanziell aus - ist unsinnig.
Die Kontrolle, Verwaltung, Überwachung und die Bearbeitung von Widersprüchen und Klagen kosten eine Menge Geld. Sanktionen bringen also volkswirtschaftlich wenig bis nichts ein. Und: WÜRDEN sie wirken: fänden die Betroffenen DENNOCH keine Arbeit. Das liegt an mehreren, unterschiedlichen vorzufindenden Realitäten (s.o.).

Fazit: NICHT die "innere Radikalität" der jobcenter - MitarbeiterInnen ist zumeist das Problem. Mangelnde Reflektion, mangelnde Empathie und psychische Verharmlosungs- und Verdrängungsmechanismen müssen der Ansatzpunkt sein!

MfG
Burkhard Tomm-Bub, M.A.
- Staatlich anerkannter Erzieher -
- Diplom - Sozialarbeiter (FH) -
- Magister der Erziehungswissenschaft (NF: Psychologie/Soziologie) -
- ehrenamtlicher Suchtkrankenhelfer -
- Ex - Fallmanager -


1 Kommentar:

  1. Danke für dieses Posting!
    Genau, was de facto hinten rauskommt bei Sanktionen, ist ein Anschlag auf die nackte Existenz.
    Klar würden die meisten "Arbeitsvermittler" das nicht machen, wenn sie sich die Folgen vor Augen halten müßten. (Und nach außen hin zugeben müßten, daß sie überhaupt etwas damit zu tun haten und die Erwerbslosen sich nicht selbst sanktioniert haben.)
    Ist wohl eher wie eine Art bürokratisches Ballerspiel, der ganze Papierkram puffert die Realität ab, und daß Menschen wirklich die KV verlieren, die Wohnung verlieren, die Gesundheit verlieren, das Leben verlieren, ist bei Papierkriegsförmiger Gewalt auch so leicht auszublenden.
    Ich kann das nicht speziell auf Jobcenter-Beschäftigte beziehen, aber wenn Ignoranz zur Grundlage von Gewalt wird, und man die Ignoranz irgendwie gefährdet (zum Beispiel mit Informationen oder ähnlichen Gemeinheiten), dann begegnet man dann doch ganz schnell der unverhüllten Aggressivität und Niedertracht.
    Deswegen bin ich nicht mehr geneigt, Ignoranz so schnell als Erklärung zu akzeptieren, sondern bohre nach, ob diese Ignoranz nicht sehr erwünscht ist und mit voller Absicht aufrechterhalten und verteidigt wird.

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