Sonntag, 30. November 2014

Ein persönlicher Essay über das Alleingelassensein


Ein persönlicher Essay über das Alleingelassensein

Heute ist der erste Advent. Zeit der Besinnung. Besinnung auf sich selbst, Besinnung auf andere Menschen, auf die Menschheit ...

Ein guter, oder zumindest umfassender Essay sollte vielleicht beim Universum an sich beginnen, bei allem was wir kennen, oder zu kennen glauben. Und auch wieder damit enden. Auf dem Umweg über die kleinste mögliche Einheit - den einzelnen Menschen, das Individuum.




Hat das Universum das Leben verlassen, die Menschheit, den Menschen? Oft scheint es so. Ich bin Pantheist und / oder Panentheist, so genau kann ich das nicht sagen. Denn auch das sind nur Begriffe, sind Worte, menschliche Worte.
Für Atheisten ist das weite All noch kälter und unpersönlicher. Sie wissen ja, das es nichts gibt, gar nichts ... 
Menschen mit einem persönlichen Gott mag es da etwas wärmer und sicherer erscheinen, das ist schon irgendwie beneidenswert.
 Aber allein die Tatsache, DASS es so viele menschliche Ausdrücke des Glaubens gibt, an Alles, an Nichts, an einen oder viele definierbare Götter - allein dieser Gedanke erzeugt Unbehagen.
Was, wenn ich mich irre? Was, wenn Andere recht haben - oder keiner von uns?

Ja. Es bleibt ein Gefühl des Alleingelassenseins.

Wurde ich allein gelassen? Als Kind? Nun sicherlich. Ich war zeitweise ein "Schlüsselkind", de facto auch ein Einzelkind, da mein einziger Bruder viel älter war und früh das Haus verließ. Vor ziemlich genau einem Jahr ist er auf Malta verstorben. Immerhin genau dort, wo er sein wollte. Das ist gut.

Ich habe auch mich selbst allein gelassen, mich und Andere. Durch meine multiple Suchtkrankheit, die ich zwischen meinem 16 und 30 Lebensjahr entwickelte und sich steigern ließ. 
Erst danach fand ich zu anderen Menschen und zu mir selbst zurück, ein Weg, auf dem ich noch immer bin. Zwar lebe ich seitdem rückfallfrei zufrieden abstinent - doch der Weg zu sich selbst endet nie, denke ich. 

Es gab und gibt dann Ereignisse, Umbrüche ganz verschiedener Art, in dem Bereich, den man wohl den "zwischenmenschlichen" nennt. Über ihn kann ich nichts sagen. Kann ich größtmögliche Offenheit mich selbst betreffend von mir fordern - so habe ich doch kein Recht der Welt, die Privatsphäre anderer Menschen hierdurch zu verletzen.
Auch dieser Bereich hat aber ganz sicherlich mit dem Thema "Alleinlassen" / "Alleingelassensein" zu tun ...



Ich war schon immer ein politischer Mensch. Wenn auch stets nur recht kurzfristig ein PARTEIpolitischer. Vielleicht sollte ich besser sagen ein "gesellschaftspolitischer Mensch".
Und - wenn ich es ganz genau bedenke - eigentlich würde es mir reichen zu sagen: ich versuchte schon immer ein guter Mensch zu sein.
Nicht immer erfolgreich, das ist sicher.
Im Laufe der Jahrzehnte versuchte ich immer "dümmer" zu werden, einfacher strukturiert. Das gefällt mir und damit werde ich weiter machen. Nicht mehr wirklich Alles und Jedes ist für mich diskutierbar, verhandelbar, "theoretisch erwägbar". Weniger "Taktik", in gewisser Weise auch weniger Diplomatie - das muss ja nicht heißen, grob und unhöflich zu werden. Aber ehrlicher, konsequenter. 
Dafür zahle ich einen Preis. Er ist manchmal nicht gering - und damit sind wir wieder beim Thema.
Ich habe auf facebook und in ähnlichen Netzen viel weniger "Freunde", "follower", etc., als es mit ein wenig Anstregung möglich wäre. 
Aber da nehme ich das Verlassen und Verlassenwerden dann lieber in Kauf. 

Vor einigen Jahren hat mich meine Gesundheit auf ernste Weise verlassen: im Frühjahr 2010 erkrankte ich an Krebs. Es folgten 16 Monate oft sehr unangenehmer Behandlung / Therapie. 
Wir schreiben nun den Advent 2014. Ich war schon einige Zeit nicht mehr bei der Nachsorge. Aber wenn zuvor nichts ist, werde ich im Frühjahr 2015 wieder hingehen. Dann wären auch die berüchtigten "5 Jahre" herum ...  
Immer wieder einmal treiben mich die unterschiedlichsten Gefühle um. Manchmal ist alles fast vergessen. Bei leichten Beschwerde aber ist die Angst gleich wieder da. Resignation, Hoffnung. All` diese Dinge. Man kann es sich in etwa vorstellen, denke ich. 

Ich habe das eine und andere Motto. Eines lautet: "Gib, was Du bekommen möchtest!" Und: es hilft! Nein - ich will mich nirgends  "unentbehrlich machen". Das mag ich nicht und das will ich nicht. Und da ist irgendwo auch meine berufliche Professionalität davor. Die kann und will ich in dem Punkt auch privat nicht ablegen.
Aber Hilfe zur Selbsthilfe da anbieten, wo sie gewünscht und willkommen ist. Unterstützen, förden. Das will ich, das kann ich und das versuche ich. 

Ich war einige Jahre Fallmanager in einem jobcenter. Anfangs, ab 2005, sah es so aus, als könne ich hier auch beruflich meine Ideale einigermaßen leben.
Ich war aktiv und engagiert, suchte kreative und effektive Lösungen für Alle, war aber auch konstruktiv - kritisch. Die Entwicklung verlief ungut und wurde immer schlechter, statt besser. Zusammen mit zwei anderen Fallmanagern initiierte ich eine interne Petition für die Verbesserung der Situation. Zwei Drittel der Kolleg_innen unterschrieben sie. 
De facto erbrachte dies im Endeffekt aber leider nichts. Das eine und andere Jahr verging. Dann entwickelte sich meine Krebskrankheit. Nach 16 Monaten versuchte ich die Rückkehr.

Vom ersten Tag an fühlte ich mich allein gelassen. Auf den beiden obersten Ebenen hatte es einen Führungskräftewechsel gegeben. Ich hatte von der ersten Stunde an das Gefühl, unerwünscht zu sein. Fünf Monate lang harrte ich aus. Mit Vollkontrolle, Urlaubssperre und ähnlichem überzogen. Eine schlimme Zeit.
Die Betriebsärztin stellte in Abständen zwei Berichte aus. Dort war in halbwegs klaren Worten geschildert, was da mit mir veranstaltet worden war.
Ein, zwei Kolleg_innen hatte auch einmal ein gutes, oder verständnisvolles Wort.
Ansonsten: Nichts. 
Betriebsrat, Schwerbehindertenvertretung, Sonstige - ich fühlte mich in der Tat verlassen.
Nach fünf Monaten kapitulierte ich. Auch das war seinerzeit zur Weihnachtszeit ...
Ich stimmte dann "freiwillig" der Rückversetzung zum "entsendenden Arbeitgeber" zu. 

Seit 2012 arbeitete ich dann dort. Beziehungsweise. Nun ja. Nach einem etwas ... ungeschickten ... Versuch, mich in einem bekannten Bereich einzusetzen, "landete" ich in einer anderen Abteilung mit freundlichen Kolleg_innen, einem freundlichen und intelligentem Chef - und mit wenig Arbeit. Die leider auch nicht mehr wurde. Am schlimmsten aber: ich hatte jahrzehntelang immer "mit Menschen" gearbeitet, möglichst mit solchen in schwierigen Lebenslagen. Das wurde mir - unbegründet, unbegründbar - vollständig entzogen. 
Es ist keine um des Themas willen "herbeigezogene" Begrifflichkeit: auch dies war eine ganz starke Empfindung der Verlassenheit. 

Ich blieb in meiner Freizeit aktiv, versuchte mich an diversen karitativen und gesellschaftskritischen Projekten und Aktionen. Allerdings gehörte und gehöre ich weiterhin keiner radikalen und überhaupt keiner Partei, Kirche oder Sekte an.
Soweit, so gut ...

Am 17.11.2014 wurde ich -äußerst knapp befristet- zum "obersten Personaler" meiner Arbeisstelle befohlen. Ich erhielt ein kurzes Schreiben, in dem meine sofortige "Freistellung" vom Dienst verfügt wurde und mit blitzenden Augen wurde mir gesagt, man werde mich möglichst kündigen. Unter Begleitung wurde ich zu meinem Büro gebracht, durfte auf Nachfrage noch meine persönlichen Dinge zusammen raffen und hatte dann meinen Schlüssel und meinen Zeitchip abzuliefern.

Was war geschehen? Hatte ich einen Vorgesetzten tätlich angegriffen? Eine Mitarbeiterin in anderer Bedeutung "angegriffen"? Oder gar pädophile Fotos auf dem Rechner ...? 
Nichts dergleichen.
Drei Dinge wurden mir in Vorhalt gebracht, die mich nicht mehr tragbar machen würden. (Wovon übrigens mein direkter Vorgesetzter NICHTS wußte.) 
 + Es ging um eine angebliche Werbung, die ich trotz Aufforderung nicht von einem meiner privaten Blogs entfernt hätte (wobei diese Werbung darin bestand, dass erkennbar gewesen wäre, wo und für wen ich aktuell arbeite).
Das ist schlicht unwahr. Ich hatte alles im Vorfeld bestens per Mail abgesprochen, es gab einige, wenige Änderungswünsche und die hatte ich sofort ausgeführt.
 + Es ging darum, dass ich bei der Reklame für ein offizielles Fest per Mail Schreibfehler, nicht stattgefundene Genderung und ein suboptimales Foto konstruktiv kritisiert hatte.
 + UND: es ging um eine konkrete (offizielle und genehmigte) Kundgebung gegen Hartz IV, die ich veranstaltet und dokumentiert hatte. Wohlgemerkt: ich bin KEIN Beamter.
Bei dieser Veranstaltung habe ich - wie auch hier - nie erwähnt, wo sich mein aktueller Arbeitgeber befindet und wie er heißt. Und schon gar nicht selbigen kritisiert, o.ä. 
Dennoch hätte ich dadurch Rufschädigung betrieben ... 




Nun droht also die Kündigung.
57 Jahre alt. Anerkannter Schwerbehinderter. Vielfach qualifiziert. Nie eine Mißbilligung oder Abmahnung, stets zur Übernahme zusätzlicher Ehrenämter bereit. Seit 22 Jahren in Vollzeit "dabei". 

Verlassenheit.

Nun ja. Wer sich bewegt. Wer eine Meinung hat und äußert ...

Ich bin Mitglied im VdK. Die sind (noch) nicht zuständig. Ok.
Ich habe die Rechtsberatung des DGB informiert. Da bekam ich nun nach einigen Tagen einen Termin zugewiesen.
Auch der Berufsbegleitende Dienst (BBD) der AAW spricht mit mir.

Ich habe auch den Personalrat und die Schwerbehindertenvertretung informiert.
Das Ganze ist schon fast zwei Wochen her.
Nicht eine Nachricht, nicht ein gutes Wort erreichte mich von diesen beiden Stellen.
Und das - das ist es, was mich traurig macht und was mein Gefühl des Alleingelassenseins sehr verstärkt.
Das tut weh, Kolleginnen und Kollegen. 

Gleichwohl.
Was ihr Einem getan - habt ihr allen getan.
So ähnlich steht es in der Bibel und auch im Koran.
Und auch anhand meines eigenen Glaubens (Pantheismus / Panentheismus) wird diese Rückmeldung von mir irgendwann, irgendwo ankommen.

Womit der Kreis in etwa geschlossen wäre.

Doch einige Dinge ragen aus ihm heraus.
Die Kraft, die mir die Existenz einer bestimmten Person schenkt.

Die unverbrüchliche und anhaltende Kollegialität des Kollegen P. aus A.
Und jede Freundlichkeit und jedes aufrichtige Wort, das mich erreicht!

Doch nun genug von derlei.

Die erzwungene, trügerische Ruhe die mir verordnet wurde, hat einen Vorteil.
Ich kann mich intensiver und häufiger kreativen und gemeinnützigen Dingen widtmen.
Seht Euch bitte um auf meinen Blogs, auf meinen Accounts bei facebook, Google plus, youtube, twitter, usw. 
Und helft mit, wo immer Ihr mögt und könnt.

Danke!

MfG
Burkhard Tomm-Bub 





Kommentare:

  1. Wünsche dir alles Gute und die Kraft das durchzustehen. Das mit dem Alleingelassen werden kann ich nur zu gut nachvollziehen und kenne ich vom eigenen Erleben.

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  2. ... Danke Ludger! Auch Dir meine besten Wünsche!
    MfG
    B

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  3. Lieber Burkhard,
    auch ich kann leider nicht mehr tun, als Dir viel Kraft, ein weiterhin stabiles Rückgrat und eine noch stabilere Gesundheit zu wünschen.
    Wie Du weißt, habe auch ich mit den monotheistischen Lehren nichts "am Hut" und ich denke, Pantheismus und "meine", also die von mir angenommene, Lehre haben doch sehr viel gemein. Daher bleibt mir nur, Dich in Deinem Vorgehen und Deiner Einstellung - in Anerkennung, dass wir alle/dass Alles letztlich "das Göttliche" sind/ist bzw. die Buddhanatur in uns tragen - zu bestärken.
    "Irdische Gerechtigkeit", nun, darauf zu hoffen...ich denke, diesen Abschnitt hast auch Du bereits hinter Dir. Die (unzähligen) Menschen, denen Du - in welcher Form auch immer - beigestanden, unterstützt, geholfen hast, tragen ja letztlich ein Stückchen BTB in sich, auch wenn Du es nicht so direkt spürst, sind sie eben doch da. Deine Handlungen mögen der "Dominostein" gewesen sein, welcher kippt und Anderes (Gutes) nach sich zog. Auch wenn Du selbst vielleicht nie davon erfährst, erfahren wirst. Letztlich ist alles miteinander verbunden, Interdependenz (so nennen "wir" das) hat Allgemeingültigkeit.
    Alles was ich schrieb, mag sich vielleicht verschwurbelt lesen, dem Grunde nach wollte ich nur sagen:
    Auch wenn Du Dich allein fühlst, bist Du es nicht.
    Sehr liebe Grüße
    Ellen

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  4. Liebe Ellen,
    doch, ich habe es verstanden!
    Vielen Dank!
    Und auch Dir ein Gleiches!
    LG
    Burkhard

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  5. Wow, der Essay hat mich wirklich sehr gefesselt! Ich bin noch sher jung und kann mir schwer vorstellen, wie man sich in solch einer Situation fühlt. Jedoch bin ich deiner Meinung in allem. Ich würde mich freuen, wenn du auf meinem sehr frischen Blog mal vorbei schaust, auch ich mache mir ähnliche Gedanken.
    Liebe Grüße

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