Freitag, 19. Juni 2015

Mut zur Utopie: Heiner Geißler und Sahra Wagenknecht bei Bloch


Mut zur Utopie: Heiner Geißler und Sahra Wagenknecht bei Bloch




Am 18. 06.2015 fanden sich Herr Dr. Heiner Geißler (CDU, Jahrgang 1930) und Frau Dr. Sahra Wagenknecht (die Linke, Jahrgang 1969)
im Ernst - Bloch - Zentrum Ludwigshafen ein.




Als Sposor fungierte die Firma ICL (*).


Thema des Abends war "Mut zur Utopie" und dieses wurde im Vorfeld so beschrieben:

"Die Wirtschafts- und Finanzwelt steckt weltweit in einer tiefen Krise. In der globalisierten Welt, im digitalen Zeitalter scheint nichts zu bleiben, wie es war: Rasanter Fortschritt einerseits, Stagnation, Armut und Kriege andererseits. Diese umfassende Krise spüren wir im immer größer werdenden Unterschied zwischen Arm und Reich, im Klimawandel. Wir sehen sie täglich bei Hunger- und Gesundheitskatastrophen, bei Kriegen, im Arbeitsleben. Von Kapital und Wirtschaft getriebene Politiker nennen ihre Haltung „alternativlos“, wenn es um Bewältigungsstrategien geht, die nicht auf dem Wachstumsimperativ beruhen.

„Denken aber heißt überschreiten“, sagte Ernst Bloch.
Und in Krisen steckt demnach auch das Moment einer Wende: das utopische Potenzial der Neuorientierung. Utopie nimmt das Gegebene nicht als selbstverständlich hin, sie fragt nach den Chancen eines glücklicheren und besseren Lebens. Ist das möglich? Welches könnten die konkreten Utopien unserer heutigen Zeit sein? Gibt es Alternativen? Diesen Fragen, die auch in all den mittlerweile wieder aufgenommenen Utopiedebatten in der Politik und der Kultur einen wichtigen Platz einnehmen, soll in dieser Veranstaltung etwas Substanz gegeben werden."

Quelle: 
http://www.ludwigshafen.de/presse/detail/news/2015/06/09/diskussionsveranstaltung-mut-zur-utopie-mit-sahra-wagenknecht-und-heiner-geissler/


Die kompetente und angemessen straffe Moderation übernahm die Politikwissenschaftlerin Frau Kathrin Senger-Schäfer.


Es gab ein hohes Publikumsinteresse, leider konnte nicht Jede und Jeder Einlass finden und auch etliche Medien waren präsent. 



Anhand der aktiven Plenarwoche konnte Sahra Wagenknecht, direkt aus Berlin anreisend, erst etwas verspätet eintreffen - was ihrem Engagement in der Diskussion aber keinen Abbruch tat.



Der Direktor des Zentrums und Geschäftsführer der Stiftung Ernst-Bloch-Zentrum, Herr Dr. Klaus Kufeld  führte zunächst in das Thema ein, wobei er unter anderem auf das antizyklische Auftreten des "Prinzip Hoffnung" einging, respektive auf das entsprechende Auftreten "utopischer" Ideen und Ideale.


Eine Anknüpfung an den Ludwigshafener Philosophen Ernst Bloch versuchte auch die Moderatorin mit ihren ersten Fragen, jedoch traten hier bei beiden Diskutant/innen sogleich übergeordnete und andere Themen in den Vordergrund.

Formal in vieler Hinsicht antipodisch, herrschte zwischen Sahra Wagenknecht und Heiner Geißler in der gesamten Diskussion sehr viel Übereinstimmung, fast schon ein Gleichklang.


Wagenknecht betonte, dass Sie auch als Atheistin ohne Weiteres zu denselben Schlußfolgerungen kommen könne, wie anders motivierte Menschen, einig war man sich ebenso in der Ablehnung von religiösem Fanatismus und der Religion als "Opium des Volkes".


In teils launiger, teils auch sehr scharfer Manier agierte Heiner Geißler in Hinblick auf seine Kritik an der mittlerweile unsolidarischen und rein profitorientierten Marktwirtschaft und den in dieser Hinsicht zuarbeitenden Politikern.


Er verwies, völlig zu Recht auch auf den Artikel 79, Absatz 3 des Grundgesetzes, in dem den Grundrechten der Artikel 1 und 20 abschließend ein Ewigkeitsrecht zugeordnet wird. Das bedeutet, dass diese auch durch keinerlei Mehrheitsentscheid mehr veränderbar sind!

GG

Artikel 1


(1) Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.


(2) Das Deutsche Volk bekennt sich darum zu unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt.


(3) Die nachfolgenden Grundrechte binden Gesetzgebung, vollziehende Gewalt und Rechtsprechung als unmittelbar geltendes Recht.




Artikel 20


(1) Die Bundesrepublik Deutschland ist ein demokratischer und sozialer Bundesstaat.


(2) Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus. Sie wird vom Volke in Wahlen und Abstimmungen und durch besondere Organe der Gesetzgebung, der vollziehenden Gewalt und der Rechtsprechung ausgeübt.


(3) Die Gesetzgebung ist an die verfassungsmäßige Ordnung, die vollziehende Gewalt und die Rechtsprechung sind an Gesetz und Recht gebunden.


(4) Gegen jeden, der es unternimmt, diese Ordnung zu beseitigen, haben alle Deutschen das Recht zum Widerstand, wenn andere Abhilfe nicht möglich ist.



Anhand der Diskussion von Einzelbeispielen ethikbefreiten kapitalistischen Handelns wies Sahra Wagenknecht auf die Notwendigkeit einer Änderung der Besitzverhältnisse hin. 
Hier etwas vereinfacht formuliert: eine Fabrik, welche den dort beschäftigten Werktätigen gehört, wird sich nicht in ein Billiglohnland verlegen und auch keine Dumpinglöhne beschließen, sowie die Gesundheit der Beschäftigten schützen, etc.


Heiner Geißler forderte eine neue Sozial - Ökologische - Gesellschaftsordnung und - Wirtschaftsordnung ein. In Deutschland, in Europa, letztlich weltweit.

Kritisiert wurde hierzu auch der ehemalige Bundeskanzler Helmut Schmidt, der einmal sagte "Wer eine Vision hat, der soll zum Arzt gehen." ... 

Im Gegenteil sei eben Mut zur Utopie notwendig, dieser habe eine lange Tradition und sei nötiger denn je. Hierbei wurden auch Thomas Morus "Utopia"  und andere Werke erwähnt.


(Btw. steht diese Buch auch im Cyberspace / SL, in der Freien Bibliothek Pegasus kostenfrei zur Verfügung.)


Kurz erwähnt wurden dann auch die aktuellen Buchbeiträge der beiden Diskutant/innen.

Einmal von Sarah Wagenknecht "Freiheit statt Kapitalismus"  sowie "Ou Topos" von Heiner Geißler.


Ungewöhnlich scharf ging dieser auch mit den Kirchen ins Gericht.

Die Politiker, die Parteien allein könnten es nicht schaffen, eine ethische Wende weg von der ausschließlichen Profitmaximierung zu bewirken. Die Gewerkschaften? 
"Die machen ja auch nix ...".

In blumigen Bildern beschwor Geißler die Vorstellung einer "Demonstration vom Alex bis zum Brandenburger Tor" herauf, an der tausende Geistliche der großen Konfessionen in Talar, Mitra, Soutane und Bischofmütze aktiv und vehement teilnehmen, um der Forderung nach Menschenwürde Nachdruck zu verleihen. Etwas derartiges halte er für längst überfällig und dringend notwendig. 










Weiteres Thema des Abends war unter anderem auch die bislang gänzlich verfehlte Griechenland - Politik, welche die Menschen dort in immer noch größeres Elend stürzte. Geißler mahnte allerdings dazu, neben der Notwendigkeit die Reichen und Superreichen endlich zur Kasse zu bitten, auch die Steuerehrlichkeit aller Mitbürgerinnen und Mitbürger in Griechenland an.

Anschließend gab es Gelegenheit zu Fragen aus dem Publikum.



Quelle: Juan Miranda Moraga mit freundlicher Genehmigung

Ich selbst bin parteilos, stehe aber in vielen Positionen der LINKEN ohnehin sehr nahe. Daher interessierte mich insbesondere die Antwort von Heiner Geißler auf meine Frage nach den Sanktionen (bis zu 100%!) im Hartz IV / SGB II. Wie vertragen diese sich mit der Menschenwürde, wie sieht er die Verfassungsmäßigkeit selbiger?

Geißler hierauf:

"Ja, dies ist verfassungswidrig. Und das hat eigentlich auch das Verfassungsgericht schon so festgestellt. Dies ergibt sich auch schon daraus, dass hier Elemente des Strafrechtes in das praktische Handeln im Sozialrecht eingebracht werden. Es ist eine Katastrophe!"


Dem kann ich als Ex - Fallmanager in einem jobcenter (der während der Veranstaltung selbstverständlich NICHT erwähnte, in konkret welchem!) nur vollständig zustimmen!


Erfreut über diese klare "Ansage", erlaubte ich mir am Ende der Veranstaltung Herrn Geißler auch ein Exemplar meines kleinen Jobcenter - Krimis zu überreichen. Mitgenommen hat er ihn mal ... :-)




Eine wichtige Veranstaltung - die hoffentlich viele konkrete Impulse geben kann.

Meinen Dank allen Beteiligten!


Mut zur Utopie!


(Burkhard Tomm-Bub, M.A.)


ANMERKUNGEN


+ (*) = Die Sponsor - Firma ICL ist übrigens von ihren beiden Wurzeln her einmal der Israel Chemicals Ltd. und auf der anderen Seite der Firma Monsanto zuzuordnen: http://www.icl-pp.com/de-de/Company/Seiten/History.aspx


+ Im Cyberspace, konkret in Second Life, in der "Freien Bibliothek Pegasus" gab es vor einiger Zeit eine Veranstaltung zu Ernst Bloch, mit dem PhD Mr. Gary Zabel, (Boston University).


Die Dokumentation dazu befindet sich hier:

http://www.omniavincitamor.de/media/c843ee9efda48027ffff803ffffffff2.pdf


+ Auch die RHEINPFALZ berichtete mittlerweile:
https://scontent-fra3-1.xx.fbcdn.net/hphotos-xft1/t31.0-8/11146520_10205204968618576_6154076985817580901_o.jpg






Fotos:
wikipedia / privat, wenn nicht anders angegeben.

Kommentare:

  1. Meinen Dank an Dich :-) wäre selbst gerne dabei gewesen. Sarah Wagenknecht und Heiner Geißler sind für mich eine der wenigen Politiker denen man noch zuhören kann und denen man abnimmt das Sie das was Sie sagen auch so meinen. Durch deinen Post und den dazu gehörigen Links / ist es fast so als Wär ich dabei gewesen und fühl mich ehrlich informiert :-) lg Rosi S.von Fb.

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  2. ... vielen Dank, Rosi! Gern geschehen!
    MfG
    BTB

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  3. dank gasschröder und co. http://www.ebay.de/itm/231594128195?ssPageName=STRK:MESELX:IT&_trksid=p3984.m1558.l2649

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  5. Hallo, gibt es keine Video- oder Tonaufzeichnung?

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  6. Guten Tag Herr oder Frau Anonym, 22. Juni um 21:23 Uhr,
    es hieß, es werde hier wohl etwas erscheinen (wann weiß ich aber nicht):
    http://www.ok-lu.de/wissenschaft/ernst_bloch.php
    MfG
    Burkhard Tomm-Bub

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