Donnerstag, 7. Mai 2015

Sie waren ja mal mein Chef, Herr Alt, BA-Vorstand Hartz IV

Sie waren ja mal mein Chef, Herr Alt, BA-Vorstand Hartz IV ...


Leider erst mit einigen Tagen Verzögerung nahm ich Ihre Äußerungen in der Frankfurter Rundschau vom 01. Mai 2015 (s.u.) zur Kenntnis.

Angenehm und wahrlich maienhaft kommen diese zum guten Teil daher.

Von einer "bedeutenden Sozialreform" ist da die Rede.

Über die Mitarbeiter_innen in den jobcentern schreiben Sie:

"Viele von ihnen haben sich bewusst für diese Arbeit entschieden, weil sie helfen wollen, weil sie Menschen mögen. Sie alle wissen genau, welche Bedeutung Arbeit für einen Menschen hat und welche Folgen Arbeitslosigkeit für Betroffene und deren gesamte Familie haben kann."

Und fordern dann:

"Wertschätzung dafür, dass man etwas Gutes, etwas Wertvolles, etwas Wichtiges tut.", für eben diese Mitarbeiter_innen.

Zur Kritik aber äußern Sie:

"Zumal diese oftmals auf Halbwissen beruhend reflexartig erfolgt, weniger von eigenem Erleben oder gar persönlichen Eindrücken oder gründlicher Recherche geprägt."

Sie möchten" ... Kollegen, die stolz sind auf das, was sie tagtäglich leisten." (Was die Kolleginn
en dazu meinen, ist offensichtlich uninteressant ...)

Und Sie wollen ebenso "Kollegen, die Neues ausprobieren, ohne Angst haben zu müssen, dass reflexartig draufgeschlagen wird."

Schließlich enden Sie mit dem Gedanken: "Ich wünschte mir eine neue Kultur. Eine Kultur der Wertschätzung und des Vertrauens gegenüber den Kolleginnen und Kollegen. Jobcenter als Synonym für sozialstaatlich gut organisierte Nächstenliebe."

Nun, ...

Sie waren ja mal mein Chef, Herr Alt, BA-Vorstand Hartz IV. Um genau zu sein, vom 01.01.2005 bis Ende 2011.

Und tatsächlich war ich, als Staatlich anerkannter Erzieher, Diplom - Sozialarbeiter (FH) und Magister Artium der Erziehungswissenschaft, sowie Ehrenamtlicher Suchtkrankenhelfer, einer von denen, die den damaligen Versprechungen glaubten und freiwillig ins jobcenter gingen.

Damit war ich in meinem Umfeld (einer Kommunalverwaltung, in der ich zuvor mit ähnlichen Aufgaben als Sozialfachkraft beschäftigt war) einer von wenigen. Sehr viele Andere waren hingegen zuvor als Sozialhilfe - LeistungssachbearbeiterInnen verwaltungsmäßig tätig. Sicher - unterschrieben haben fast alle ... Aber die Stellen, die sie vorher hatten: die fielen in jedem Falle nach Ende des Jahres 2004 weg.

Sie verstehen?

Und richtig - ich weiß um die Vorteile und Nachteile von Arbeit. Ich war in jungen Jahren selbst mehrfach arbeitslos, war Mitbegründer einer Arbeitslosen - Initiative.

Viele meiner Kollegen nicht. Die waren auch keine Angestellten, so wie ich - sondern Beamte auf Lebenszeit.

Sie waren mein Chef, Sie sind es nicht mehr. Anfang 2010 erkrankte ich an Krebs. Nach 16 Monaten Behandlung kehrte ich zurück ins jobcenter. Dort hatte es auf hohen und höchsten Führungsebenen diverse Wechsel gegeben.

Ich war stets ein engagierter und guter, aber auch konstruktiv - kritischer Mitarbeiter gewesen.

Man bosste mich (nachweisbar!) hinaus. Fünf Monate lang. Dann unterschrieb ich "freiwillig" die Rückversetzung zum ehemals "entsendenden Arbeitgeber", einer Kommunalverwaltung.

Meine Kritik an Hartz IV äußerte ich anschließend auch weiterhin. Seit dem 01. Oktober 2005 unterliegen Angestellte / Arbeitnehmer keiner besonders erhöhten Loyalitätsverpflichtung gegenüber dem Arbeitgeber mehr (wie zum Beispiel weiterhin die Beamtinnen und Beamten). Jedoch verriet ich niemals unerlaubte Details, nannte keine konkreten Namen, etc. Wie es sich gehört.

Nachdem ich von der Behandlung des Kollegen Norbert Wiersbin, insbesondere der Kollegin Inge Hannemann und später auch Marcel Kallwass erfuhr, ging ich mit meiner Kritik solidarisch ebenfalls stärker in die Öffentlichkeit, u.a. mit meinem Blog "tombbloggt"

Obschon ich weiterhin die besagten Grenzen nicht überschritt, sollte das Drama damit noch lange kein Ende haben. Obwohl mittlerweile seit Jahren nicht mehr im jobcenter beschäftigt, bin ich nunmehr selbst von meinem jetzigen Arbeitgeber seit Monaten "freigestellt". Schriftlich wurden keine Gründe genannt, mündlich mir aber mitgeteilt, dass meine Hartz IV - Kritik Anlass ist und dass man mich wenn irgend möglich kündigen will.

Ich bin Schwerbehinderter und 57 Jahre alt ...

Vielleicht werden Sie ja doch noch einmal mein Chef. Wenn ich ein Jahr später dann "Kunde" eines jobcenters bin ...

Gleichwohl. Warum erzähle ich das?

MEINE Kritik werden Sie kaum als "Halbwissen", als "reflexhaft" und als "von wenig Recherche geprägt" abtun können.

Und. Übrigens. Wertschätzend mir gegenüber - fand ich die geschilderten Abläufe mir gegenüber nicht wirklich. Ehrlich.

Den künftigen Fallmanagerinnen und Fallmanagern waren seinerzeit "ca. 75" zu betreuende und beratende Menschen versprochen worden.

Mein Stand gegen Ende: gut 430 Fälle. Und nein - das war keine Ausnahme. Absolut nicht.

Auch von einer m.E. absolut überbordenden Dokumentationspflicht und einem ebensolchen, EDV - gestützten, engmaschigem Controllingsystem gegenüber den Bediensteten war anfangs nicht die Rede.

Die Liste ist wesentlich länger. So wäre in der Tat zum Thema "Maßnahmen" noch vieles zu sagen. Auch zu den Zuschüssen an die Arbeitgeber, an Private Arbeitsvermittler, uvm. Aber Details entnehmen Sie bitte gern - bei Interesse - meinem Blog. Den Namen habe ich bereits genannt.

Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der jobcenter stehen in der - oft unausweichlichen - Pflicht, zu sanktionieren.

Falls "erforderlich" um bis zu 100%. Und danach - kommt nichts mehr. Gar nichts. ALG II ist das endgültig letzte Netz.

Das ist dann die "... gut organisierte Nächstenliebe ..."?

Dies in einem Staat, der sich Sozialstaat nennt. Und der noch immer auf Platz 6 des Wohlstandes in einer Welt mit über 180 Staaten liegt.

Dies in einem Land, in dem Jede und Jeder weiß, dass auf EINE offene Stelle, drei, vier oder noch mehr erwerbslose Menschen fallen.

Ich frage Sie, Herr Alt: WIE sollen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den jobcentern unter SOLCHEN Bedingungen Entscheidungen treffen und ein Verhalten zeigen, mit dem sie sich die Wertschätzung der "Kundinnen und Kunden", die der Menschen verdienen könnten? Wie?

Gruß
Burkhard Tomm-Bub, M.A.
- Ex - Fallmanager im jobcenter -


Quellen:

http://www.fr-online.de/gastbeitraege/hartz-iv-und-bundesagentur-fuer-arbeit-fuer-eine-kultur-der-wertschaetzung,29976308,30573666.html

http://de.wikipedia.org/wiki/Heinrich_Alt#Einzelnachweise




Kommentare:

  1. Hab es mal geteilt. Allein der Artikel von Alt lässt schon tief blicken. Warum schreibt er den sowas? EIn Schelm der sich dabei böses denkt.

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  2. Ich denke, er hat den Film von Wallraff schon dreimal gesehen.
    Und immer noch nicht kapiert.
    Warum solche Menschen, wie der Vorstand, 20.000 im Monat verdienen, weiß man erst, wenn sie für solche Ergüsse ein paar Redenschreiber abstellen müssen..

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